14. August 2014 | Dipl.-Met. Lars Kirchhübel
Die "Gezeiten" als Spielball von Sonne und Mond
Die Sommerferien sind Urlaubszeit. Auch in diesem Jahr zieht es wieder viele Urlauber an die See. Wer sich für die Nordsee entscheidet, sollte vorab ein Blick in den "Gezeiten-Kalender" werfen.
Denn das Schwimmen ist nicht zu allen Zeiten möglich. Zweimal am Tag zieht sich das Meer weit zurück und es kommt die typische Wattlandschaft zum Vorschein. Die lädt dann zum Wattwandern ein und hat somit ebenfalls ihre Reize. Die Entdeckungstour durch die Welt des Watts sollte jedoch noch vor der Flut abgeschlossen sein, um nicht vom Wasser eingeschlossen zu werden. Zusammen dauern Ebbe und Flut etwa 12 Stunden und 25 Minuten, wobei die Flut den Zeitraum gekennzeichnet, in dem das Wasser ansteigt. Bei Ebbe dagegen sinkt der Wasserstand wieder.
Doch wie kommt es zu diesem Phänomen? Wer oder was ist für die
sogenannten Gezeiten verantwortlich?
Die Gezeiten oder "Tiden" sind periodische Wasserbewegungen der
Ozeane, die von der Anziehungskraft zwischen Erde und Mond bzw. Erde
und Sonne angetrieben werden. Grundsätzlich üben Körper (Massen) eine
physikalische Wechselwirkung (Anziehung) auf andere Körper aus, wobei
die Anziehung mit der Entfernung zwischen den Massen abnimmt. Des
Weiteren gilt: je mehr Masse ein Körper hat, desto stärker ist die
Anziehung. Auf der Erde bewirkt die Erdanziehung (Gravitation), dass
alle Körper nach unten fallen, sofern sie nicht daran gehindert
werden. Aus diesem Grund können die Menschen auch auf der Erde
gehen. Ohne die Anziehungskraft der Erde würden wir frei in der
Gegend umherfliegen. Jedoch ziehen auch wir die Erde an. Dies merken
wir allerdings nicht. Der Effekt ist aber vernachlässigbar, weil wir
viel weniger Masse als die Erde haben und damit eine viel geringere
Anziehungskraft auf diese. Im Sonnensystem bestimmt die Gravitation
bzw. die gegenseitige Anziehung die Bahnen der Planeten, Monde,
Kometen und Satelliten (technisch und astronomisch).
Durch die Gravitation ziehen die Erde den Mond und der Mond wiederum
die Erde an. Da Wasser flüssig, also beweglich ist, kann der Mond mit
seiner Anziehungskraft das Wasser auf der Erde sogar ein Stück zu
sich hin "ziehen". An der Erdseite, die dem Mond gerade zugewandt
ist, hebt sich der Wasserspiegel der Meere also sichtbar etwas an. So
entsteht dort ein sogenannter "Flutberg". Da sich die Erde um sich
selbst dreht, wandert sie innerhalb von 24 Stunden unter diesem
"Flutberg" hindurch.
Zusätzlich du diesem, dem mondzugewandten, "Flutberg", kann man noch
einen zweiten "Flutberg" auf der gegenüberliegenden Erdseite
beobachten. Dort ist im Vergleich zur mondzugewandten Seite die
Anziehungskraft des Mondes etwas geringer. Darum verliert dort das
Wasser sozusagen den Boden unter sich und kann durch die nach außen
wirkende Fliehkraft oder auch Zentrifugalkraft von der Erde weg
geschleudert werden. Ein Beispiel für die Fliehkraft ist das
Kettenkarussell. Je schneller es sich dreht, umso größer wird die
Fliehkraft und umso höher "schweben" auch die Fahrer in der Luft. Die
beiden Flutberge sind allerdings nicht genau gleich groß. Denn die
Kraft, die das Auftürmen eines Flutbergs herbeiführt, ist auf der
Seite, die dem Mond zugewandt ist stärker als auf der abgewandten
Seite.
Jedoch hat auch die Sonne einen Einfluss auf Ebbe und Flut. Durch die
große Entfernung zwischen Erde und Sonne ist der Einfluss auf die
Gezeiten aber nicht einmal halb so groß wieder Einfluss des Mondes.
Stehen allerdings Sonne, Erde und Mond auf einer Linie, was bei Voll-
und Neumond der Fall ist, hat die Sonne eine verstärkende Wirkung.
Bei dieser Konstellation addieren sich die Gezeitenkräfte von Sonne
und Mond. Der Tidenhub, also der Höhenunterschied zwischen Ebbe und
Flut, ist dann besonders groß und es kommt zur sogenannten Springtide
oder Springflut. Diese kann vor allem bei einer Sturmflut sehr
gefährlich sein, da diese zusätzlich zur Springflut das Wasser in die
Buchten drücken kann und somit den Wasserpegel weiter erhöht.
Bei zu- und abnehmendem Halbmond stehen Erde, Mond und Sonne etwa in
einem rechten Winkel zueinander. Die Gezeitenkräfte von Mond und
Sonne wirken dann gegeneinander und die Flutberge sind kleiner als
bei einer sonstigen Flut. Diese besondere Gezeitenform nennt man
Nippflut.
Derzeit haben wir am Vormittag das Niedrigwasser (Ebbe) und am
Nachmittag Hochwasser (Flut). Somit könnte man nach dem Frühstück den
Urlaubstag mit einem Wattspaziergang beginnen, um später am
Nachmittag an Strand und Meer etwas zu relaxen. Allerdings muss dann
noch das Wetter mitspielen. Dieses zeigt sich jedoch zunehmend
"herbstlich". Wiederholt ziehen von Westen Schauer und auch einzelne
Gewitter durch. Bei Temperaturen um 20 Grad und böigem Wind könnte
ein Pullover anstatt Badehose sinnvoll sein.
© Deutscher Wetterdienst
Bild: Aeroid
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